Sonntag, 5. April 2015

[Buchrezension] Berlin Feuerland - Titus Müller

Seiten: 480
Genre: historischer Roman
Teil einer Reihe? Nein.
ISBN: 978-3-89667-503-3
Preis: € 19,99

Verlag: Blessing

Lieblingszitate:

Jetzt versichert man schon Menschenleben, [...], ich fass es nicht! Wie kann man glauben, den Wert eines Menschenlebens berechnen zu können? (S. 121, Walter Unterhag)
 Dass die reichen Leute Sie zueinander sagten, war ihm seit je her vorgekommen, als wollten sie sich gegenseitig darin bestätigen, wie wichtig und ehrenhaft sie waren. (S. 142, Hannes Böhm)

Erster Satz:

Der Gefangene, ein dickleibiger Mann mit hängendem Augenlid, sah stur auf den Weg.

Inhalt:

Zwischen Schloss und Barrikaden: eine Geschichte voller Liebe und Abenteuer, minutiös recherchiert, packend und atmosphärisch dicht erzählt

Hannes Böhm lebt in dem Industrieviertel, das die Berliner Feuerland nennen, weil hier die Schornsteine der Industrie qualmen. Als eine Art selbst ernannter Fremdenführer verdient er sich ein kleines Zubrot, indem er neugierigen Bürgern die Armut und die Not in den Hinterhäusern zeigt. Bei einer solchen Gelegenheit lernt er Alice kennen, die als Tochter des Kastellans im Berliner Stadtschloss wohnt, der Frühlingsresidenz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Alice ist schockiert über das Ausmaß der Verelendung – und zugleich tief beeindruckt von Hannes, der voller Ehrgeiz und Fantasie zu sein scheint.

Doch als die Märzunruhen 1848 ausbrechen, als sich der Konflikt zwischen dem preußischen König und den Aufständischen zuspitzt und gemäßigte Kräfte nur schwer Gehör finden, scheint es für die Gefühle, die Hannes und Alice füreinander entwickeln, keine Zukunft mehr zu geben.
Quelle: http://www.randomhouse.de/Buch/Berlin-Feuerland-Roman-eines-Aufstands/Titus-Mueller/e439952.rhd

Aufmachung:

Das Cover finde ich für einen historischen Roman in Ordnung. Mir gefällt es, wie man in der Spiegelung des Fensters Teile einer Barrikade sehen kann. Da die Frau rechts, die aus dem Fenster schaut, aufgrund ihres Aussehens wohlhabender zu sein scheint, wirkt es so, als seien die Reicheren durch eine Scheibe von den Problemen der Ärmeren abgetrennt bzw. nur außen vor. Ich denke mal, die Frau soll Alice darstellen, weshalb man die "Trennwand" auch zwischen ihr und Hannes, der ja im armen Viertel zuhause ist, sehen kann. 
Daher passt das Cover meiner Meinung nach ganz gut zum Inhalt. 
Was mir an der Aufmachung ebenfalls gut gefällt, sind die bedruckten Vorsätze; der eine zeigt eine Zeichnung einer Lokomotiv-Fabrik vom Oranienburger Tor Mitte des 19. Jahrhunderts, der andere das Schloss (denke ich mal). Die Zeichnungen sind sehr hübsch und helfen einem dabei, sich die wichtigsten Orte vorzustellen, wenn man sie nicht kennt.

Meine Meinung:

Berlin Feuerland ist mein erster historischer Roman, von daher hatte ich keine Vorstellung davon, was mich erwartet. Eigentlich dachte ich immer, historische Romane wären nicht so spannend, weil das ja alles wirklich schon passiert ist und man so keine wirkliche "Vorstellungsfreiheit" mehr hat. Außerdem dachte ich irgendwie immer, historische Romane wären trocken und langweilig erzählt. Was mich dazu verleitet hat, weiß ich nicht, denn ich lag völlig daneben, zumindest, was dieses Buch angeht.
Zum Einen ist Müllers Schreibstil alles andere als trocken, im Gegenteil. Durch seine packende Darstellung des Aufstandes hatte ich mehr als einmal das Gefühl, im Geschehen wirklich dabei zu sein. Während des Lesens hat meine Schwester mich einmal angesprochen, aber ich habe zuerst gar nicht realisiert, dass sie mit mir redet, weil ich so gefangen in dem Roman war. 
Die Sprache ist (logischerweise) leicht veraltert, besonders wenn aus der Sicht der wohlhabenderen Bevölkerung geschrieben wurde, jedoch keineswegs so, dass man beim Lesen Schwierigkeiten hätte. Berlin Feuerland liest sich sehr leicht und die Sprechweise der Menschen, die der jeweiligen Schicht angepasst ist - also die Reicheren sprechen etwas hochgestochener, die Ärmeren hingegen oftmals sogar Berlinerisch, also eher umgangssprachlich; die Reichen Siezen sich, die Armen Duzen einander -, verleiht dem Ganzen noch zusätzlich Authentizität.
Allgemein mangelt es dem Buch nicht an Authentizität, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass historische Figuren, wie Julius von Minutoli oder Ernst von Pfuel ebenfalls zu den Protagonisten zählen. Die glaubwürdige Darstellung dieser Figuren oder bspw. auch des Schlosses geben dem Leser einen Einblick, wie es früher gewesen sein könnte oder vielleicht sogar gewesen ist. So hat man, wie schon erwähnt, oftmals das Gefühl, wirklich dabei zu sein, und vergisst gerne mal seine Umwelt (oder sogar die eigene Schwester xD).
Nicht zuletzt ist natürlich auch der hohe Spannungsbogen, der mithilfe der beiden Protagonisten Hannes und Alice erzeugt wird, Grund dafür, weshalb man sich nur schlecht von Berlin Feuerland abwenden kann.
Sowohl Hannes als auch Alice sind beides sympathische und authentische Figuren, in die man sich leicht hineinversetzen kann. Im Gegensatz zu Hannes ist Alice jedoch - besonders zu Anfang - ein bisschen naiv was ihren ehemaligen Freund, Victor, betrifft. Als Leser merkt man, wie unsympathisch dieser eigentlich ist, und möchte Alice am liebsten schütteln, weil sie das nicht selber bemerkt, obwohl es ihr quasi jeder sagt. Vor allem stört einen das jedoch, weil man unbedingt möchte, dass sie über ihren Schatten springt und zu Hannes geht, weil die beiden wie füreinander geschaffen scheinen.
Dieser ist nämlich, anders als Victor, ein loyaler Mann, dem das Wohl anderer Menschen wichtiger ist als sein eigenes. Außerdem ist Hannes klug und will etwas aus sich machen, was ihn sympathisch macht.
Weil sowohl Hannes als auch Alice immer wieder vor schwierige Aufgaben gestellt werden, und man als Leser natürlich möchte, dass seine Helden ihr Glück finden, ist man nicht selten der Verzweiflung nahe und nur schwer vom Buch weg zu bekommen.
Dabei hat man nie eine Ahnung was als nächstes passiert (jetzt mal von der Revolution natürlich abgesehen), was zusätzlich die Spannung hält. 
Zuletzt hat mir noch gut gefallen, dass am Ende im Anhang der ganze historische Kontext - sowohl was die Schauplätze und die Figuren als auch die Revolution selber betrifft - noch einmal erklärt wird. So erscheint das Buch im Rückblick noch einmal realistischer, z. B. was die Führungen durch Armenvierteln, die es wirklich gegeben hat, wie der Autor an einigen Beispielen veranschaulicht, angeht. 
Deshalb muss an der Stelle einmal die hervorragende Recherchearbeit des Autors gelobt werden, die zu einem wirklich authentischen Roman geführt hat!

Fazit:

Ein sehr packender Roman, der mir gezeigt hat, dass historische Romane alles andere als trocken und langweilig sind. Die Märzrevolution ist mithilfe von authentischen fiktiven und realen Charakteren spannend und anschaulich dargestellt worden.
Bestimmt lese ich jetzt mehr historische Romane! ^^
Eigentlich ist Geschichte ja auch mein Lieblingsfach... :D
5/5 Osterlesehasen.

Buchtrailer:


Über den Autor:

(c) Sandra Weniger
Titus Müller, geboren 1977 in Leipzig, studierte in Berlin Literatur, Geschichtswissenschaft und Publizistik. 1998 gründete er die Literaturzeitschrift "Federwelt". 2002 veröffentlichte er, 24 Jahre jung, seinen ersten Roman: "Der Kalligraph des Bischofs". Es folgten weitere historische Romane wie "Die Brillenmacherin" (2005). Titus Müller wurde mit dem C. S. Lewis-Preis und dem Sir Walter Scott-Preis ausgezeichnet. 2011 erschien im Blessing Verlag sein Roman über den Untergang der Titanic: "Tanz unter Sternen". Für den Roman "Nachtauge" (Blessing, 2013) wurde Titus Müller 2014 im Rahmen einer Histo-Couch-Umfrage zum Histo-König des Jahres gewählt.



GLG und frohe Ostern wünscht

Kommentare:

  1. Danke für die wunderbare Rezension, Sofia! Und die Lieblingssätze ("Jetzt versichern sie schon Menschenleben" und "Dass die reichen Leute Sie zueinander sagen") mag ich auch.

    Herzlich,

    Titus

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